Geschlechterreflektierte Bildung als Prävention von Sexismus, Vielfaltsfeindlichkeit und Rechtsextremismus

Worum geht es?

„Feminismus ist schuld an der sinkenden Geburtenrate im Westen, die die Ursache für die Massenimmigration ist. Und die Wurzel dieser Probleme ist der Jude.“[1]

Mit diesem Satz begann der rechtsextreme Attentäter von Halle das Video, in dem er seinen Anschlag im Stil eines Computerspiels inszenierte und auf twitch.tv live veröffentlichte. Im Zitat wird die Verknüpfung von Antisemitismus, Rassismus und Antifeminismus in derzeitigen rechtsextremen Diskursen und Denkwelten deutlich.

In den letzten Jahren werden antifeministische, sexistische, homo-, inter*- und trans*feindliche Positionen von religiös-fundamentalistischen, rechtspopulistischen und rechtsextremen Akteur_innen verstärkt in Debatten eingebracht. Unter Kampfbegriffen wie ‚Genderideologie‘ und ‚Genderwahn‘ wird gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Gleichstellungsbemühungen und bereits existente Errungenschaften (beispielsweise die ‚Ehe für Alle‘) mobil gemacht. Themen um Geschlecht, Sexualität und Familie fungieren dabei als Schnittstelle zwischen dem gesellschaftlichen Mainstream und extrem rechten Ideologien, die längst Eingang in gegenwärtige Alltagsdiskurse gefunden haben. Nichtsdestotrotz bleiben Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in der politischen, pädagogischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und (Primär- und Sekundär-)Prävention weiterhin unterbeleuchtet.

Ebenfalls unterbeleuchtet ist bislang die Bedeutung Sozialer Medien und digitaler Welten in diesem Zusammenhang. Diese spielen einerseits bei der Mobilisierung und Verbreitung extrem rechter und rechtspopulistischer Positionen eine zentrale Rolle. Andererseits sind Netzwelten nicht nur Räume des Hasses und der Abwertung. Sie bieten beispielweise lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren (lsbtiq+) Personen Möglichkeiten für Informationsbeschaffung und Vernetzung, die in ihrer Bedeutung kaum zu unterschätzen sind. So ist das Internet laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts bei Coming-Out-Prozessen von lsbt Jugendlichen Informations- und Anlaufstelle Nummer eins.[2] Auch für Informationen zu Geschlechtergleichstellung, Empowerment von Mädchen und Frauen sowie die Gegenwehr gegen sexistische und gleichstellungsfeindliche Positionen sind Netzwelten bedeutsam.

Diskriminierendes Verhalten steht auch über die extreme Rechte hinaus mit engen Geschlechterbildern in Verbindung. Wenn beispielsweise Jungen und Männern abverlangt wird, allzeit souverän zu sein, kann daraus folgen, Verunsicherungen durch diskriminierendes Verhalten abzuwehren. Bei Mädchen und Frauen gibt es analoge Muster. Die Anziehungskraft verengter Geschlechterbilder, insbesondere für junge Männer, verweist insofern auch auf grundlegende Verunsicherungen angesichts einer komplexen, diversen, sich stetig wandelnden Gesellschaft, mit denen alle Menschen konfrontiert sind.

 

Bedarfe

Ausgehend von der beschriebenen Problemlage ergibt sich der Bedarf, das Themenfeld Sexismus/ Geschlechterverhältnisse sowie geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zentral in Maßnahmen der Rechtsextremismus- und Diskriminierungsprävention zu berücksichtigen – für sich stehend und intersektional verknüpft mit anderen Themenfeldern.

Für pädagogische Prävention und Intervention bedarf es einerseits einer vertieften Beschäftigung mit Geschlechterverhältnissen, der Schnittstelle Geschlecht – Vielfaltsfeindlichkeit – extreme Rechte und Antifeminismus und andererseits einer Weiterentwicklung intersektionaler Ansätze. Pädagogisch tätige wie auch werdende Fachkräfte und Multiplikator_innen (Sozialpädagog_innen, Sozialarbeiter_innen, Lehrer_innen, Erzieher_innen, Kinderpfleger_innen, Heilerziehungspfleger_innen, Leitungskräfte pädagogischer Einrichtungen usw.), aber auch Akteur_innen aus der Zivilgesellschaft, Engagierte und Interessierte benötigen Qualifizierungsangebote, Beratung, Informationen, Materialien und Räume für strukturierten Austausch:

  1. zur Bedeutung von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen in extrem rechten und rechtspopulistischen Ideologien, zu Antifeminismus, gleichstellungs- und vielfaltsfeindlichen Bestrebungen, sowie zur Bedeutung digitaler Räume in diesem Zusammenhang.
  2. zu Strategien im Umgang mit Antifeminismus, Gleichstellungs- und Vielfaltsfeindlichkeit online und offline, sowie Empowerment und Bestärkung.
  3. zu Geschlechterverhältnissen und dem Einfluss verengter Geschlechteranforderungen.
  4. zu geschlechterreflektierten pädagogischen Konzepten der Primärprävention gegen diskriminierende Einstellungen, Gleichstellungs- und Vielfaltsfeindlichkeit.
  5. zu intersektionalen Ansätzen und einer lerntheoretischen Fundierung der Gestaltung von Lernprozessen zu Diskriminierung.

Diese Bedarfe stehen im Mittelpunkt unseres Projekts Schnittstelle Geschlecht - Geschlechterreflektierte Bildung als Prävention von Sexismus, Vielfaltsfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Weitere Informationen zu unseren Angeboten finden sich hier.

 


[1] Zitiert nach: Der Tagesspiegel (10.10.2019): Menschen töten und sich selbst leidtun. URL: https://www.tagesspiegel.de/politik/tatverdaechtiger-aus-halle-menschen-toeten-und-sich-selbst-leidtun/25104378.html [09.12.2019].

[2] DJI (2015): Coming-out – und dann…?! URL: https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2015/DJI_Broschuere_ComingOut.pdf [09.12.2019].

Zuletzt aktualisiert am 11.08.2020